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Gold für Olga

Ein Tanzlehrer aus Kirchheim liebte das klassische

Ein Tanzlehrer aus Kirchheim liebte das klassische Ballett und träumte sehnsuchtsvoll davon, selbst einmal so schön tanzen zu können. Eines Tages setzte er sich in den Zug und fuhr nach Sankt Petersburg. Eine Reise, die immerhin drei Tage dauern sollte. Nirgendwo auf der Welt gab es bessere Tänzer und Choreographen.
Vor lauter Aufregung konnte der Tanzlehrer fast zwei Tage und drei Nächte nicht schlafen. Aber dann war die Müdigkeit doch stärker. Tief schlief er, und so stieg er nicht in Sankt Petersburg aus, sondern landete in Sibirien. Erst war er enttäuscht, aber wie so oft entpuppt sich der Zufall als ein Glücksfall. Kam er doch gerade richtig zum grossen sibirischen Bärenballettabend. Die Primaballerina Olga Graziowa war die eleganteste Bärin von allen. Ihr langes, sorgfältig gepflegtes Fell glänzte seidig. Bei jedem eleganten Schwung fielen die Haare wie Meereswellen. Bei jeder Drehung vergrösserte sich die Bären-Silhouette um ihre Haarlänge. Olga drehte auf ihrem grossen Zehennagel nicht nur eine oder zwei Pirouetten, nein so viele, dass es allen drum herum schwindlig wurde. Der Tanzlehrer fragte sie, ob sie mit ihm kommen wollte, um ihre Künste einem grösseren Publikum zu zeigen.
Olga folgte ihm gern. Sie gab in Kirchheim nicht nur Tanzunterricht, sondern auch Ballettabende vor immer mehr und mehr Zuschauern. Bald kamen sie aus Wendlingen, Bissingen, Dettingen und Jesingen. Aber auch aus Esslingen, Nürtingen, Göppingen strömten die Besucher. Ihr Ruhm drang schon bis nach Stuttgart - doch da kam der Winter. Eines Tages trat Olga aus dem Haus und spürte den eisig kalten Ostwind. Plötzlich hatte sie Sehnsucht nach ihren Spielgefährtinnen, obwohl die nicht halb so gut tanzen konnten wie sie. Wie schön war doch die Kälte, wie still und gross die Wälder, wie weiss der Schnee... Sie liebte ihren Ruhm und auch den Tanzlehrer und all die neuen Freunde, aber die Sehnsucht war stärker. Und so machte sie sich auf den Weg nach Sibirien.

Der Tanzlehrer modellierte seine Olga so,

wie er sie zuletzt gesehen hatte. Aus Dankbarkeit für den Reichtum, den sie ihm bescherte, liess er sie vergolden. Er platzierte sie hoch oben an seinem Hausgiebel, mit dem Blick nach Osten, Richtung Sibirien.

Aber warum schaut die goldene Bärin so traurig?

Weißt du es?

(c) Astrid Dlugokinski-Thoma

Letzte Änderung am Donnerstag, 11. September 2008 um 13:09:28 Uhr.

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